Diffamiert als " #Russlandversteher "

Das Politische Forum ist nur für "Debattanten" und Gäste sichtbar. Wer mitdiskutieren möchte, der muß sich der Gruppe der Debattanten anschließen. Eine Mitgliedschaft muß beantragt werden.

Moderator: Admix

Benutzeravatar
manuchka
Tipp-Königin
Tipp-Königin
Beiträge: 7369
Registriert: Dienstag 15. März 2005, 17:08
Wohnort: HH
Kontaktdaten:

Diffamiert als " #Russlandversteher "

Beitrag von manuchka » Montag 31. März 2014, 14:49

Sehr guter Artikel in der Süddeutschen Zeitung:
http://www.sueddeutsche.de/politik/krim ... -1.1925559
Wie kann der Versuch falsch sein, Russlands Motive in der Ukraine-Krise zu berücksichtigen? Wer den Konflikt verstehen will, muss zurückschauen bis in die Zeit von Boris Jelzin, als die EU ihre große Chance in Russland verspielte. Die heutige Selbstgefälligkeit der Politik des Westens ist deshalb ärgerlich und gefährlich.
Du erntest, was du säst.



Benutzeravatar
Admix
Site Admin
Site Admin
Beiträge: 1921
Registriert: Donnerstag 22. Juli 2010, 16:23
Wohnort: Reutlingen/Moskau
Kontaktdaten:

Re: Diffamiert als "Russlandversteher"

Beitrag von Admix » Montag 31. März 2014, 15:05

Danke!

Mir gefällt vor allem :twisted: :
... Zudem fordern die Demonstranten, dass Edward Snowden, der letzte westliche Selbstaufklärer, einen Ort im Westen findet, an dem er unbehelligt leben kann. Unterstützt werden die Proteste mit Millionen oder Milliarden Rubeln und Yuan, und ab und zu tauchen der russische und chinesische Außenminister auf, verteilen Glückskekse und Pelmeni, applaudieren den Demonstranten und rufen unter der Weltzeituhr: Angela Merkel, deine Zeit ist vorbei!

Andy
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 366
Registriert: Donnerstag 11. Januar 2007, 15:58
Wohnort: Sankt Petersburg

Re: Diffamiert als " #Russlandversteher "

Beitrag von Andy » Montag 31. März 2014, 16:56

Nein, ich finde den Artikel nicht wirklich gut. Der Autor begeht meiner Meinung nach den Fehler, Einflussmoeglichkeiten westlicher Laender auf andere zu ueberschaetzen.
Und wenn es dann in einem Land nicht so laeuft, macht er westliche Regierungen dafuer verantwortlich. Das ist ein Duktus westdeutscher Presse. Nicht einmal Amerikaner ueberschaetzen ihre Moeglichkeiten derart, wie es gerne in Deutschland in Diskussionen getan wird.

Nehmen wir das Beispiel Russlands am Anfang der neunziger Jaher: tatsaechlich gab es westliche Milliardenhilfen fuer Russland, nur mussten diese erst einmal in den russischen Truppenabbau, die Vernichtung der chemischen und biologischen Waffen, Verschrottung alter Atom-U-Boote, Sicherung von Reaktoren, Bau von Wohnungen rueckkehrender Sowjetsoldaten etc. etc. investiert werden. Das waren gewaltige Summen, mit denen in der auseinander fallenden Sowjetunion die groebsten Katastrophen verhindert werden sollten, die die ganze Welt letztendlich bedrohten. Heute ist das alles vergessen, vor allem die Russen erinnern sich nicht mehr daran.

Und wie haette der Westen sonst noch massiv helfen sollen? Deutschland war schon genug mit der DDR und anderen Nachbarn beschaeftigt, Russland liess nur ungern Experten ins Land: Schon Shirinovski und andere vergessen, die immerzu laut toenten, man brauche keine Auslaender und deren Hilfe? Schon Leute wie Kartte vergessen, die in Moskau zu einer ehrlicheren Privatisierung rieten und dafuer aus dem Land geworfen wurden?

Nein, Russland ist an seinem Zustand damals zu 100% selber Schuld. Der Westen konnte gar nicht mehr tun.

Benutzeravatar
Dietrich
Globaler Moderator
Globaler Moderator
Beiträge: 7829
Registriert: Mittwoch 25. Februar 2004, 13:54
Wohnort: Wiesbaden

Re: Diffamiert als " #Russlandversteher "

Beitrag von Dietrich » Montag 31. März 2014, 17:18

In der FAS (Papierausgabe) war diesen Sonntag ein sehr interessanter Bericht zum Thema "Wieso sind die 90er in Russland so abgelaufen und hätte man es besser machen können".
Leider habe ich den online noch nicht gefunden.....
Muss nachher mal in der Papiertonne buddeln. Ich habe mir den nicht aufgehoben weil ich sicher war, dass es den auch online gibt...
"Each one hopes that if he feeds the crocodile enough, the crocodile will eat him last."
W. Churchill (1940)

Benutzeravatar
klaupe
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 2069
Registriert: Montag 17. März 2014, 11:55
Wohnort: Europa, Вселенная
Kontaktdaten:

Re: Diffamiert als " #Russlandversteher "

Beitrag von klaupe » Montag 31. März 2014, 18:44

Andy hat geschrieben:Nein, Russland ist an seinem Zustand damals zu 100% selber Schuld. Der Westen konnte gar nicht mehr tun.
Mehr oder weniger tun, das ist hier die Frage. Man hätte sicherlich, aber mit €- und $-Transfer ist es ja nicht getan. Die landeten ganz ohne westliches Dazutun ohnehin in falschen Kanälen.Immerhin gibt es nun eine Mustergeselschaft, die in der Ausprägung, Machtfülle und Kapitalausstattung nahezu einmalig auf der Welt ist: Die Oligarchie, die sich die Kleptokratie erschaffen hat.
Dennoch ist der Westen Schuld, nicht nur in Russland, GUS und/oder ex-CCCP. Wo immer "wir" versuchen, unseren Wohlstand zu verteilen, treten wir als Missionare auf: Ihr dürft euch bekehren lassen und zur Belohnung Rohstoffe und billige Manpower liefern. Wie bei Missionaren üblich: "Du sollst keine fremden Götter neben mir haben!"
Das haben wir zuvor schon 'zig Jahre mit sogenannten Entwicklungsländern trainiert und fast alle sind zu Problemländern geworden. Nachdem das gründlich in die Hose gegangen war, stürzte man sich auf den Osten. Das war erst einmal die Fortsetzung des "Kalten Kriegs", gerade um nun mit Wucht zu zeigen und zu beweisen, dass wir ja schon immer die Besseren waren. Bis auf ein paar vergleichsweise winzige und seltene "echte" Hilfsprogramme wurde da die Abzocke zum Gigantismus gemästet. Das Resultat spricht für den "Erfolg"

Gorbatschow, ihn schätze ich heute noch, hat das Risiko gewagt und ein System zu Fall gebracht. Das es da ohne Erfahrung viele Fehler geben musste, halte ich für total logisch. Die bislang Etablierten legten ihm jeden Stein in den Weg, den sie finden konnten und in dem "Weltreich" gab es genug lose Steine, die ihn zu Fall bringen mussten. Immerhin, der Anfang war geschafft! Hut ab!
Dann lief es aus dem Ruder und die Kleptomanen bestimmten den Kurs und pflügten den Acker, den jetzt Putin aberntet. "Dünger" und "Saatgut" haben wir gerne geliefert!
Nenne mir einen einzigen westlichen Investor, ein "Hilfsprogramm", dass nicht in Erwartung von Monsterrenditen auf den Weg nach Russland gebracht wurde! (jetzt meine ich ausdrücklich nicht die vielen Privatinitiativen, die weiterhin wie Don Quietschte gegen ganze Windparks kämpfen)

Putin hat beste Ausbildung beim KGB genossen: Das Täuschen, Fälschen, Aushorchen, Betrügen und wenn erforderlich auch brachial Zuschlagen hat er brav gelernt; er war ein fleißiger, begabter Azubi! Aber auch das haben die "Russlandversteher" irgendwie falsch eingeschätzt.
Vermutlich hat er in seinen "Studienjahren" in Dresden auch deutsche Geschichte aufmerksam gebüffelt. Da konnte er 'ad fontes' lernen, wie man als Führer mit großen Posen und markigen Sprüchen sein Volk verführt und gleichzeitig die Welt verarscht. Gut gelernt Wladimir, es funktioniert 1A !!!
Manchmal muss man im Leben zwischen gutem Ruf und dem Vergnügen wählen und stellt fest, das der gute Ruf kein Vergnügen ist.



Berlino10
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 2941
Registriert: Samstag 16. Februar 2013, 01:23
Wohnort: Berlin / Wolgograd

Re: Diffamiert als " #Russlandversteher "

Beitrag von Berlino10 » Montag 31. März 2014, 20:49

Andy hat geschrieben: Nein, Russland ist an seinem Zustand damals zu 100% selber Schuld. Der Westen konnte gar nicht mehr tun.
Ws für ein Märchen-Onkel sind sie denn? Die Mitverantwortung des Westens/IWF die erzwungenen Privatisierungen und übereilten Demokratisierungen zu leugnen, ist schon sehr lächerlich.

Noch sie was von IWF-Bedingungen gehört und der Kreditabhängigkeit RUS in den 90ern?

Professor Dr. h.c. Wolfgang Kartte †, 1976 bis 1992 Präsident des Bundeskartellamtes, 1992-1997 Wirtschaftsberater der Russischen Föderation im Auftrag der Bundesregierung und der Europäischen Union (TACIS), beschreibt dies so:
Hier wird auch deutlich, dass die liberale Philosophie der offenen Märkte und des stabilen Geldes für Länder, die noch nicht voll entwickelt sind, ihre Schattenseiten haben kann. Das gängige Rezept des Internationalen Währungsfonds, nämlich großzügige langfristige Kredite, verbunden mit der Auflage offener Märkte und strikter Anti-Inflationspolitik auf Seiten der Empfängerländer, nützt in jedem Fall den westlichen Exporteuren und Rohstoffeinkäufern und freut die Banken und spekulativen Anleger in New York, London und Frankfurt. Die betroffenen Länder hingegen werden häufig überfordert, weil Anpassungsprozesse, die zweifellos notwendig sind, überstürzt eingeleitet werden. Sie bringen dann häufig schockartig soziale Verwerfungen mit sich, die den Transformationsprozess bei der Bevölkerung unglaubwürdig machen.
Und er betont einen Interessens-Konflikt zwischen USA und EU
Hier fragt sich, ob die USA als nunmehr einzige verbliebene Supermacht überhaupt Interesse daran haben können, Russland zu wirtschaftlicher Prosperität und damit zu neuer Stärke zu verhelfen. Warum sollten die USA das Übergewicht, das sie im Kalten Krieg gegenüber den zutiefst verhassten Kommunisten errungen haben, durch eine allzu engagierte Russlandhilfe wieder aufs Spiel setzen? Dem gegenüber brauchen die Europäer, schon als Handelspartner, aber auch um Konfliktpotentiale innerhalb ihres Kontinents zu vermeiden, ein wirtschaftlich gesundes Russland. Hier werden mögliche Differenzen zwischen strategischen Zielen der USA einerseits und den handels- und sicherheitspolitischen Bedürfnissen der europäischen Nachbarländer Russlands andererseits sichtbar.

Benutzeravatar
klaupe
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 2069
Registriert: Montag 17. März 2014, 11:55
Wohnort: Europa, Вселенная
Kontaktdaten:

Re: Diffamiert als " #Russlandversteher "

Beitrag von klaupe » Montag 31. März 2014, 21:32

Berlino10 hat geschrieben:Ws für ein Märchen-Onkel sind sie denn? Die Mitverantwortung des Westens/IWF die erzwungenen Privatisierungen und übereilten Demokratisierungen zu leugnen, ist schon sehr lächerlich.
Märchenstunde ist im TV bei Sandmännchen, aber da macht Russland nicht mit.
Wenn ich mich noch richtig erinnern kann, was die GUS/RF stets ein souveräner Staat mit einer Staatsführung, die stets auf eigene Unabhängigkeit bedacht war und sich auch nie reinreden ließ oder aktuell reinreden lässt. Russland war also im fraglichen Zeitraum weder Kolonie der EUSA noch Protektorat oder sonst ein unmündiges und fremdbestimmtes Objekt.
Alles was in der Neurussichen Geschichte ablief und -läuft dürfen die Herren im Kreml ganz brav alleine verantworten. der IWF/Westen hat Russland NIE gezwungen, Geld/Kredite anzunehmen.
Noch sie was von IWF-Bedingungen gehört und der Kreditabhängigkeit RUS in den 90ern?
Logisch, wenn meine Bank mir Kredit für den Hausbau gibt, stellt sie auch Bedingungen und wenn das dach beim nächsten Sturm abfällt, habe ICH Pech gehabt und nicht die Bank. Falls Sie eine Bank kennen, die bei Misswirtschaft oder Naturkatastrophen die Verantwortung übernimmt, bitte SOFORT melden, ich wechsele schnellstmöglich.
Professor Dr. h.c. Wolfgang Kartte †, ....
...Das gängige Rezept des Internationalen Währungsfonds, nämlich großzügige langfristige Kredite, verbunden mit der Auflage offener Märkte und strikter Anti-Inflationspolitik auf Seiten der Empfängerländer, nützt in jedem Fall den westlichen Exporteuren und Rohstoffeinkäufern und freut die Banken und spekulativen Anleger ...
Was ich schon vorhin breit erläuterte. Aber dazu gehören immer zwei! Eine Gruppe, die plündert und ein Land/Regierung, das/die so blöd ist, sich ausplündern zu lassen.
Gerade Russland betont gerne seine Überlegenheit und übt sich in Selbstgerechtigkeit. In der Praxis scheint es da aber gravierende Defizite zu geben.
(Meinung noch eines Märchen-Onkels!)
Manchmal muss man im Leben zwischen gutem Ruf und dem Vergnügen wählen und stellt fest, das der gute Ruf kein Vergnügen ist.

Berlino10
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 2941
Registriert: Samstag 16. Februar 2013, 01:23
Wohnort: Berlin / Wolgograd

Re: Diffamiert als " #Russlandversteher "

Beitrag von Berlino10 » Montag 31. März 2014, 22:02

klaupe hat geschrieben: Aber dazu gehören immer zwei! Eine Gruppe, die plündert und ein Land/Regierung, das/die so blöd ist, sich ausplündern zu lassen.
Gerade Russland betont gerne seine Überlegenheit und übt sich in Selbstgerechtigkeit. In der Praxis scheint es da aber gravierende Defizite zu geben.
Ich sehe nicht, dass RUS Überlegenheit betont, und damals schon gar nicht.

Natürlich war RUS mit Schuld an seiner Krise, es hatte sich auf den Westen, eine Heerschar von über 30.000 Consultants aus dem Ausland verlassen.
Aber genauso wenig wie die Ukraine heute, hatte RUS damals eine freie Wahl. Und wie in der Ukraine gab es auch damals IWF-Bedingungskataloge.
Ist Zahlungsunfähigkeit eine Alternative?
Im Nachhinein wäre RUS natürlich besser ohne den IWF den Weg gegangen, aber man hatte den neuen Partnern vertraut.

Handelsblatt
http://www.handelsblatt.com/politik/int ... 27094.html
Die Russlandkrise markiert aber auch ein Debakel in der Chronik des IWF.
Angesichts einer dramatischen Binnenverschuldung bei einem hochdefizitären Haushalt hatte die anhaltende Kapitalflucht die Währung täglich unter Druck gesetzt. Trotzdem stützte Präsident Boris Jelzin den Rubel-Kurs - und zwar auf Geheiß des IWF-Präsidenten Michel Camdessus.

Dabei legte die Krise den Grundstein für den Aufschwung der Wirtschaft, die in den zehn folgenden Jahren um durchschnittlich sieben Prozent wuchs. Nicht dank der IWF-Auflagen, sondern ihnen zum Trotz.

Benutzeravatar
klaupe
Zar/iza
Zar/iza
Beiträge: 2069
Registriert: Montag 17. März 2014, 11:55
Wohnort: Europa, Вселенная
Kontaktdaten:

Re: Diffamiert als " #Russlandversteher "

Beitrag von klaupe » Montag 31. März 2014, 22:15

Berlino10 hat geschrieben:Ich sehe nicht, dass RUS Überlegenheit betont, und damals schon gar nicht.
Das kommt in meinem Ohr aber total anders an.
Im Nachhinein wäre RUS natürlich besser ohne den IWF den Weg gegangen, aber man hatte den neuen Partnern vertraut.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!“ hätte man von Lenin lernen können. Die damaligen Akteure kannten ihn doch noch, oder?
Der Sinnspruch ist umstritten, aber nachweislich sagte Lenin oft: Доверяй, но проверяй
Manchmal muss man im Leben zwischen gutem Ruf und dem Vergnügen wählen und stellt fest, das der gute Ruf kein Vergnügen ist.

weltenbummler
Insider/in
Insider/in
Beiträge: 117
Registriert: Samstag 2. Februar 2013, 15:39

Re: Diffamiert als " #Russlandversteher "

Beitrag von weltenbummler » Montag 31. März 2014, 23:02

manuchka hat geschrieben:Sehr guter Artikel in der Süddeutschen Zeitung:
http://www.sueddeutsche.de/politik/krim ... -1.1925559
Wie kann der Versuch falsch sein, Russlands Motive in der Ukraine-Krise zu berücksichtigen? Wer den Konflikt verstehen will, muss zurückschauen bis in die Zeit von Boris Jelzin, als die EU ihre große Chance in Russland verspielte. Die heutige Selbstgefälligkeit der Politik des Westens ist deshalb ärgerlich und gefährlich.
Ich fand diesen Artikel sehr gut! Insbesondere der Konflikt in der Ukraine ist hier sehr treffend dargestellt.



Antworten

Zurück zu „Politisches Forum“