Rippe, Hand, Blinder Hund usw.

Übersetzungen und Verständnisfragen zu einzelnen Ausdrücken

Moderator: Wladimir30

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Rippe, Hand, Blinder Hund usw.

Beitrag von m5bere2 » Freitag 26. Februar 2016, 20:29

Hab diese Beiträge abgetrennt aus dem Vorstellungsthema "Dobar dan".
Wladimir30, Glob.Mod.

donnie.tesla hat geschrieben:Das jonok oder enok? konnte ich noch finden. Ist anscheinend eine Verniedlichung wie -chen oder -lein.
-enok, -jonok ist immer das Kind von irgendwas, im Plural -jata.

Rebjonok, Rebjata (vom Menschen),
Kotjonok, Kotjata (vom Kater, Kot),
Lwjonok, Lwjata (vom Löwen, Lew)...

Leider sind die Kinder nicht immer von den Elternwörtern so direkt abzuteilen wie bei Kot und Lew ... z.B. bei Hunden Shchenok und Shchenjata, aber was hat der Hund (Sobaka oder Pjos) mit Shchen- zu tun? Und genau so ist es leider mit dem Rebjonok. Keine Ahnung, wo das Reb- herkommt.

Wahrscheinlich kommt Reb von einem alten Wort, das verloren gegangen ist, während das abgeleitete Rebjonok erhalten blieb. Kann mir vorstellen, dass das Reb- in Rebjonok den selben Ursprung hat wie der Rab (Sklave), beide kommen irgendwo von Menschen...
Zuletzt geändert von m5bere2 am Freitag 26. Februar 2016, 21:26, insgesamt 1-mal geändert.



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Re: Dobar dan,

Beitrag von donnie.tesla » Freitag 26. Februar 2016, 20:59

Hallo m5bere2,

danke für dein Feedback. :D

Ich war mal so frei und hab mal ein bisschen selber herumfantasiert.

Könnte es von Rebro (Rippen) kommen, so wie im Sinne von "Frucht meiner lenden"?

Mysteriös.

Aber schön, sei es drum. Jetzt wird auf jeden Fall etwas russisch gepaukt ;)

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Re: Dobar dan,

Beitrag von m5bere2 » Freitag 26. Februar 2016, 21:17

Dann gibt es ja noch den "раб божий", also den Sklaven Gottes, wie sich im Prinzip alle orthodoxen Kirchenangehörigen, also historisch gesehen quasi alle "Menschen" hier, bezeichnen. ;-) Das muss aber nicht unbedingt negativ sein, schließlich ist man ja lieber Sklave Gottes als Sklave eines Schneiders...
In dem Sinne ist vielleicht ein ребенок wirklich das Kind eines Gottessklaven.

Anscheinend bedeutet "Rab" im Mazedonischen tatsächlich aber auch Rippe/Rebro...

Ich interessiere mich auch immer über die Zusammenhänge zwischen den Wörtern und ihre Abstammung. Und da haben wir Ausländer teilweise mehr ein Auge für als die Muttersprachler. Zumindest passierte es mir oft, dass ich ein neues Wort sehe und sage "ah ja, klar ... kommt von X und Y" und Leute mich angucken mit "oh, echt? Stimmt, habe ich noch gar nicht bemerkt". ;-) Passiert nicht mehr so oft, weil ich nicht mehr so oft neue Wörter lerne...

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Re: Dobar dan,

Beitrag von Wladimir30 » Freitag 26. Februar 2016, 22:18

Ein sehr interssantes Thema! Nur Vorsicht bei Volksetymologien, d.h. Erklärungen, die irgendwie naheliegend scheinen, aber dann falsch sind. Typisches Beispiel ist близорукий 'kurzsichtig'. Es liegt nahe, das zu deuten als jemand, der nur die Hand sieht, die nah dran ist (eben близо und рукий). Stimmt aber nicht, es kommt von близо зоркий, also wirklich kurz-sichtig, wobei von den zwei -зо- eines weggefallen ist (ähnlich wie England, was auch so entstanden ist aus Angla-Land, also 'Land der Angeln' (vgl. Angelsachsen)). Oder Wladimir, wo jeder sagt: Klar, kommt von Wladi und mir, also 'beherrsche die Welt'. Stimmt aber nicht, es hängt zusammen mit Waldemar. Wobei -mar verwandt ist mit dem deutschen Mär (Verkleinerung Märchen). Der Name heisst 'gross, herrlich, gepriesen durch seine Macht'.

Ребенок ist tatsächlich mit раб verwandt. Раб 'Sklave' ist vermutlich vom alten Wort für 'Waisenkind' abgeleitet, die früher froh sein konnten, wenn sie irgendwo unterkamen und nur malochen mussten. Rab ist verwandt mit dem engl. Wort orphan 'Waise'. Die lautliche Entwicklung zwischen rab und orph- lass ich mal lieber weg.

Щенок ist da etwas schieriger. Es gibt in mehreren slawischen Sprachen und in russischen Dialekten Wörter der Art щеня, щенё u.ä., die alle heissen 'Kind von einem Fuchs/Wolf/wildem Tier'. Es gibt ja durchaus das Wort собачонка, was aber die emotionale Färbung einer 'kleinen kläffenden Töle' hat.
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Re: Dobar dan,

Beitrag von donnie.tesla » Freitag 26. Februar 2016, 23:04

Uj, so viel interessantes zum Thema. :D

Das mit der Rippe nehme ich lieber schnell zurück. :oops:
https://en.wiktionary.org/wiki/Appendix ... avic/rebro
Also "to cover" macht mit der Rippe mehr Sinn.

Rab = Waisenkind. Wieder was dazu gelernt.



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Re: Dobar dan,

Beitrag von Alex KA » Samstag 27. Februar 2016, 08:50

Ich habe auch etwas interessantes bemerkt, wenn man Deutsch mit Russisch vergleicht..

Zum Beispiel "setzt dich" auf Russisch klingt "садись", und es siet so aus als ob "садись" in Grunde bedeutet auch wie in Deutsch "сади себя", "setz dich" also, es ist so was wie Abkürzung..aber in Russisch diese komplette Form wird nicht mehr benutzt, nur Abkürzung noch, aber in Deutsch wird komplette Form benutzt.. Und ich habe mehrere solche Beispiele bemerkt.. Deswegen vermute ich das Russisch als Sprache vielleicht länger in Umlauf als Deutsch.
In Deutsch gibt es auch solche Abkürzungen, die werden aber umgangssprachlich verwendet, bei uns in Russland diese Umgangschprache wurde zu normale Sprache so zu sagen. Alle diese Suffixe und Enden sind Überreste irgendwelche alte Worte, die man nicht mehr verwendet..

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Re: Dobar dan,

Beitrag von m5bere2 » Samstag 27. Februar 2016, 11:26

Alex KA hat geschrieben:Ich habe auch etwas interessantes bemerkt, wenn man Deutsch mit Russisch vergleicht..
Russisch und deutsch sind sich strukturell allgemein sehr ähnlich. Es gibt eine Reihe von Wörtern, wo man einfach nur deren Bestandteile übersetzen muss und es passt:

выставка -- Ausstellung
выдумать -- (sich etwas) ausdenken
разочаровать -- enttäuschen (man könnte auch entzaubern sagen)

Beispiele für deine Beobachtungen:
радоваться -- (von радовать себя) -- sich freuen
жаловаться -- sich beschweren

Aber interessanter in dem Zusammenhang ist die Passivform, die im Präsenz im Russischen mit -ся gebildet wird, aber manchmal genau so im Deutschen, obwohl wir eine "richtige" Passivform haben:
Эти булочки хорошо продаются -- Diese Brötchen verkaufen sich gut (werden gut verkauft)

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Re: Dobar dan,

Beitrag von Wladimir30 » Samstag 27. Februar 2016, 13:18

m5bere2 hat geschrieben:
Alex KA hat geschrieben:Ich habe auch etwas interessantes bemerkt, wenn man Deutsch mit Russisch vergleicht..
Russisch und deutsch sind sich strukturell allgemein sehr ähnlich. Es gibt eine Reihe von Wörtern, wo man einfach nur deren Bestandteile übersetzen muss und es passt:

выставка -- Ausstellung
выдумать -- (sich etwas) ausdenken
разочаровать -- enttäuschen (man könnte auch entzaubern sagen)
Das sind häufig Fälle von Lehnübersetzungen. Dieses Prinzip ist sehr alt und verrät sehr viel über die Geschichte nicht der Sprache, sondern des Volkes, weil es direkte Rückschlüsse darüber zulässt, zu welchem Zeitpunkt das Volk Kontakt zu welchen anderen Völkern hatte und in welchen Bereichen der Kontakt am fruchtbarsten war.

Eines der ältesten Beispiele im Russischen ist живопись. Es ist solch eine Lehnübersetzung, aus dem Griechischen, wo es zográphos (ursprünglich 'Ikonenmaler') hiess. Zoo kennen wir alle, der Bezug zum Wort Leben (живо-) ist offensichtlich, graphensis als 'schreiben' (-пись) ist auch nichts Unerwartetes.

Später kamen viele solcher Ausdrücke hinzu, в-печат-ление, vgl Ein-druck.

Es ist somit keine Folge von gleicher oder ähnlicher Struktur, sondern spiegelt die Kontakte des Volkes wider. Ist ja heute genauso, mit den vielen Ausdrücken aus dem Englischen. Den Zeitpunkt der Entlehnung kann man bestimmen anhand der Laut- oder Wortbildungsgesetze, die bei der Übernahme gerade aktiv und verbreitet waren. So kommen Dubletten zustande, wie z.B. englisch dish und disc. Vgl. lat. discus. Bei der ersten Übernahme wurde -sk- noch zu [sch] assimiliert, bei der späteren Übernahme schon nicht mehr.
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Re: Dobar dan,

Beitrag von m5bere2 » Samstag 27. Februar 2016, 13:53

Wladimir30 hat geschrieben:Ist ja heute genauso, mit den vielen Ausdrücken aus dem Englischen.
Leider macht man sich heute nichtmal mehr die Mühe einer Lehnübersetzung. ;-) Und während englische Wörter in deutschen Sätzen noch irgendwie akzeptabel klingeln, klingen sie in russischen Sätzen meiner Meinung nach einfach dämlich.

Noch schlimmer, oft passen sie schlecht in die grammatische Struktur, weil sie sich nicht deklinieren lassen (wie auch manche französischen Wörter ala депо, шоссе, кафе usw.) Eigentlich ein Grund, warum mir das alte кофий viel besser gefällt als das neue кофе...
Сегодня я, Прасковья Осиповна, не буду пить кофию, -- сказал Иван Яковлевич, -- а вместо того хочется мне съесть горячего хлебца с луком.

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Re: Dobar dan,

Beitrag von donnie.tesla » Samstag 27. Februar 2016, 17:53

http://spokensanskrit.de/index.php?tinp ... E&link=yes

Hier noch der Ursprung des Wortes Reb. Das aus dem Santkrit stammende "arbha". Bedeutet Junge.

Von diesem Wort sollen auch die Wörter orphan = Waise, Arbeit, Rabota und noch viele mehr enstanden sein. Warum aus arb = rab wurde, ist einer Lautverschiebung zu verdanken.



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