Akademiker und Universitäten

Wer von den seichten Gewässer des Rus-POP in die Tiefen der Wissenschaft vordringen möchte, findet hier sein Terrain. Literatur, Bildende Kunst, Musik, Kinematografie und alles was intellektuellen Background hat kann hier diskutiert werden.

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Akademiker und Universitäten

Beitrag von Schwabe » Dienstag 29. September 2009, 00:31

Hallo,

vor kurzem kam auf Bayern Alpha ne kurze Sendung über eine Universität in Novosibirsk, in der das Leben von Akademikern an Universitäten gezeigt wurde (Die Sendung war von 1996). Man hat gesehen, dass Akademiker in Russland damals ziemlich ärmlich gewohnt haben und noch weniger verdient haben. Definitiv gibt (gab) es ja in Russland bedeutende Leute auf universitärer Ebene. Ist es heute immer noch so, dass die Akademiker ein sehr bescheidenes Leben führen?

Hinzuzufügen ist, dass es wohl in Moskau "Spezial-Unis" gibt, die heftig subventioniert werden und dort auch Karriere gemacht werden kann. Aber wie siehts bei anderen Unis aus?

Weiß jemand was?

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Re: Akademiker und Universitäten

Beitrag von Norbert » Dienstag 29. September 2009, 06:38

Heute eine Sendung von Russland 1996 zu zeigen, finde ich auch etwas verfehlt, aber egal.

Ich selbst arbeite in Novosibirsk in jenem Viertel, wo die größte Universität und diverse Forschungsinstitute angesiedelt sind. Bei den Instituten lässt sich bis heute allenfalls normal verdienen, aber keinesfalls gut - mit Ausnahme des Institutsdirektors, welcher vielleicht ein paar Büros vermietet. In den Universitäten sind die Löhne etwas gestiegen, dadurch, dass inzwischen meist die Hälfte der Studenten für das Studium zahlen und die Dozenten einen Teil des Geldes abbekommen.

Wie in vielen staatlichen Bereichen sind die Angestellten im Forschungsbereich Halbtagskräfte - vormittags Uni (stabiles aber niedriges Einkommen mit Weiterbildungsmöglichkeiten und Sozialpaket), nachmittags eigene Firma / Angesteller in der Privatwirtschaft (hohes aber instabiles Einkommen ohne Zusatzleistungen).

Ähnlich läuft es im medizinischen Bereich: Halbtags Polyklinik, halbtags Privatpraxis.

Aber die 90er sind vorbei - damals haben ja Dozenten teilweise abends noch als Putzkraft gearbeitet (ich entsinne mich an einen solchen Artikel im SPIEGEL).

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Re: Akademiker und Universitäten

Beitrag von Schwabe » Mittwoch 30. September 2009, 00:58

Naja, Bayern Alpha macht das öfters - alte Sendungen zu zeigen. Aber persönlich finde ich es gut. Diese Sendung war generell über Sibirien, v.a. Land und Leute, 2 oder 3 min waren dann der Universität in Novosibirsk gewidmet.

Zu den 90ern: ich habe auch gelesen, dass Professoren abends in einer Bar Kellnern gingen, um ein wenig "Taschengeld" zu verdienen.

Die meisten Studenten gehen dann wahrscheinlich so wie manchmal bei uns auch halbtags arbeiten, oder?

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Re: Akademiker und Universitäten

Beitrag von Norbert » Donnerstag 1. Oktober 2009, 06:37

Schwabe hat geschrieben:Die meisten Studenten gehen dann wahrscheinlich so wie manchmal bei uns auch halbtags arbeiten, oder?
Diese Tendenz hat in den letzten fünf Jahren extrem zugenommen. Als ich 2003 studiert habe, war dies noch eine Ausnahme. Heute gibt es Studenten, die mehr arbeiten als studieren.

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Re: Akademiker und Universitäten

Beitrag von Spätzleskosake » Donnerstag 1. Oktober 2009, 11:48

ich habe mal eine Gastvorlesung an einer Uni in Westsibirien gehalten. Fast jeder der Dozenten hatte ein privates Business. Ich konnte mir den Eindruck nicht verwehren, dass die Qualität der Lehre darunter gelitten hat.



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Re: Akademiker und Universitäten

Beitrag von Uwe » Donnerstag 1. Oktober 2009, 14:51

Bei einem Einkommen von ca. 300 EUR mehr als verständlich. Da sucht man nach Nebenjobs.
Im Gegensatz zu deutschen Professoren betrachten die russischen Lehrenden ihre Studenten aber nicht als unnützen Ballast.
Die Qualität der Lehre lasse ich mal offen (in D auch nicht gerade berühmt im weltweiten Wettbewerb).
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Re: Akademiker und Universitäten

Beitrag von Norbert » Freitag 2. Oktober 2009, 06:33

Uwe hat geschrieben:Im Gegensatz zu deutschen Professoren betrachten die russischen Lehrenden ihre Studenten aber nicht als unnützen Ballast.
Uwe, der Satz kam aber ganz tief aus der Klischeekiste, oder? Also ich hatte nie so ein Gefühl bei meinen deutschen Professoren. (Zugegeben auch nicht bei meinen russischen. Hier mag das sicher daran liegen, dass man aus Idealismus unterrichtet - wegen Geld ja wohl weniger.)

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Re: Akademiker und Universitäten

Beitrag von Uwe » Freitag 2. Oktober 2009, 12:35

Norbert, das war zwar etwas pauschal aber lag nicht so daneben,
Verwandte von uns sind Professoren an der Nowosibirker Staatsuniversität. Da habe ich schon einen Einblick.
Auch die haben erhebliche Nebeneinnahmen, allerdings aus dem Hochschulbereich (Vorlesungen an anderen Unis, bezahlte Leitungsjobs, etc.).
aus Idealismus unterrichtet
Das ist deren Job, wie auch bei schlecht bezahlten Ärzten, Lehrern und anderen Staatsangestellten. Auch wenn das Einkommen nicht hoch ist bringt es doch Sicherheit.
Was die deutschen Professoren betrifft solltest Du Dich mal informieren. Vielleicht hat sich da einiges geändert.
Aber wie gesagt, pauschalieren kann man auf beiden Seiten nicht. :)
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Re: Akademiker und Universitäten

Beitrag von Schwabe » Freitag 2. Oktober 2009, 21:21

Aus Erfahrungen meiner Studienzeit früher kann ich sagen, dass die Lehre in Deutschland damals (und derzeit) sehr leidet - da helfen wohl auch die neueingeführten Studiengebühren von ~600€ nicht... :?

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Re: Akademiker und Universitäten

Beitrag von Xottabych » Freitag 6. November 2009, 04:37

Pauschalaussagen bzgl Hoschulsystem passen naturgemäß in vielen Fällen nicht, aber in den mir bekannten Disziplinen hinkt die Lehre in Russland dem internationalen Standard um zwei bis drei Jahrzehnte hinterher, was definitiv mitunter daran liegt, dass die Lehrkräfte teilweise auffällig überaltert sind. Viele sind weder dazu willens, noch dazu in der Lage dazu, sich international zu vernetzen, alleine schon aufgrund der Sprachbarriere. Aus dem selben Grund werden dann auch teilweise sehr renommierte Wissenschaftsjournale auf breiter Basis nahezu ignoriert - denn die sind ja allesamt in englischer Sprache verfasst. Solche Professoren können einfach kein aktuelles Wissen vermitteln. Und sie glauben fatalerweise, ihre Studenten kämen ebenfalls ohne die entsprechenden Journale zurecht. Und dass sie Kader teils dermaßen überaltert sind, hängt mit Sicherheit auch an den Verdienstaussichten eines Hochschullehrers. Attraktiv sind solche Aussichten für junge Leute ja nun wirklich nicht.
Andererseits gibt es schon einige Wissenschaftler, die diesbezüglich keine Berührungsängste haben, zweifelsfrei sehr helle Köpfe, denen allerdings Heerscharen von Absolventen gegenüberstehen, die sich während des Studium wenig bis praktisch gar kein relevantes Wissen angeeignet haben, bei denen kaum nachvollziehbar ist, wie sie sich überhaupt einen Hochschulabschluss haben erarbeiten können. Ich habe bereits 2003 Studenten kennen gelernt, die so gut wie nie Vorlesungen besucht, dafür aber immer gejobbt, und trotzdem alle Prüfungen bestanden haben. Und warum? Na ja, normalerweise jedenfalls nicht, weil sie über das notwendige Wissen verfügten, sondern vor allem darum, weil gerade junge Dozenten selbst Geld für dies und das brauchten, und daher gerne auf die entsprechenden Deals eingingen.

Wie gesagt, ich kenne auch einige sehr sehr gute Russen in meinem Bereich; aber ich habe auch Leute kennengelernt, die in Russland einen Doktortitel für Arbeiten bekamen, die in den meisten anderen entwickelten Ländern der Erde selbst für eine Diplomarbeit zu mangelhaft gewesen wären. Ist ja auch kein Wunder, wenn man nebenher zu 80 Prozent der Tageszeit für andere Tätigkeiten benutzt.
Das sind sowohl eigene Eindrücke, wie auch auch die einiger russischer Kollegen, die andernorts in Europa arbeiten, und die behaupten, erst nach ihrer Forschungstätigkeit im Ausland wirklich verstanden zu haben, wie marode das russische Bildungssystem tatsächlich sei. Inwiefern meine eigenen Erfahrungen repräsentativ sind, das kann ich ich nicht beurteilen, ebensowenig, wie die Aussagen der eben genannten Personen. Aber das, WAS ich gesehen habe, war definitiv überwiegend schlecht.



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