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Führen diplomatische Vertretungen Schwarze Listen?

Verfasst: Sonntag 30. September 2018, 11:39
von domizil
Es gibt in Kaliningrad eine Unzahl von Medien – offizielle, halboffizielle, Blogger – russische, polnische, litauische, deutsche. Und im Rahmen der weltweiten Pressefreiheit, berichten diese Medien über alles, was irgendwie berichtenswert erscheint. Und natürlich spezialisieren sich die Medien und Blogger auf bestimmte Themen und auf bestimmte Länder.

Und nicht immer verteilen diese Medien Streicheleinheiten und berichten Angenehmes über Land und Leute, über Politik und Gesellschaft.

Und so gibt es ein ausländisches Medium in Kaliningrad, welches vor einiger Zeit – ist es ein oder ist es schon zwei Jahre her? – berichtete, dass es wohl auf der Schwarzen Liste der in Kaliningrad ansässigen diplomatischen Vertretung seines Heimatlandes gelandet ist.

http://kaliningrad-domizil.ru/portal/in ... ze-listen/

Uwe Niemeier

Re: Führen diplomatische Vertretungen Schwarze Listen?

Verfasst: Sonntag 30. September 2018, 15:15
von Norbert
Mir wurde es mal so erklärt: Alle drei/vier Jahre kommt ein neuer Konsul. Jeder Konsul baut sich seinen eigenen Bekanntenkreis auf und lädt dann auch diese Leute ein. Würde man die Liste eines jeden Konsuls fortführen, müsste man irgendwann mehrere tausend Personen einladen. Aus diesem Grund wird bei jedem Wechsel "zurückgesetzt". Da jedoch auch die zuständigen Kulturattachés wechseln, und Leute ohne Hintergrundwissen vor der Liste sitzen, fliegen da ab und zu auch Leute von der Liste, bei denen das keinen Sinn macht.

Ein Konsul meinte mal zu mir: "Wir laden jeden ein, der auch nur einen deutschen Schäferhund hat." Ein anderer Konsul sah das wieder völlig anders, dort wurden wiederum nur offizielle Kulturmittler der mit dem Auswärtigen Amt kooperierenden Kulturinstitutionen eingeladen. Etc.

Schön ist das natürlich nicht, wenn man selbst betroffen ist. Wenn man Glück hat, kennt man jemanden, der unverbindlich nachhaken kann.

Re: Führen diplomatische Vertretungen Schwarze Listen?

Verfasst: Sonntag 30. September 2018, 17:17
von bella_b33
Norbert hat geschrieben:
Sonntag 30. September 2018, 15:15
Schön ist das natürlich nicht, wenn man selbst betroffen ist. Wenn man Glück hat, kennt man jemanden, der unverbindlich nachhaken kann.
Ja....aber das wirkt dann schon ein bisschen verzweifelt, nicht? ;)

Vielleicht hat man auch gesagt, wir wollen keine Youtube-Stars auf unseren Partys haben, die dann vielleicht noch filmend mit der Kamera unsere "Outtakes" im Worldwide Web der breiten Masse präsentieren.

Re: Führen diplomatische Vertretungen Schwarze Listen?

Verfasst: Sonntag 30. September 2018, 23:37
von Magdeburg-Moskva
Klingt auch so, als hätten die Diplomaten - auch in solchen Fragen und gerade beim Personalwechsel - ihren Laden nicht im Griff. Vielleicht ist auch ein angemessenes CRM rechtlich in Behörden nicht zulässig (oder sie sind einfach unfähig, kenne ich ja auch behördenähnlichen Strukturen). Und die Ortskräfte machen den Mund halt nicht auf oder empfehlen nicht oder nur, wenn sie gefragt werden.

Es gibt doch noch genug andere Treffmöglichkeiten...

Im Übrigen, hüte Dich vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland und nicht bei bella_b in der Banja sind.

Mir waren z. B. die Treffen mit zweifelhaften Deutschen an meinem Dienstort nie wichtig. Bei allen anderen konnte ich jeder Zeit auf der Matte stehen.

Re: Führen diplomatische Vertretungen Schwarze Listen?

Verfasst: Montag 1. Oktober 2018, 13:54
von Norbert
Ja, das kommt dazu. Wir Typen vor Ort gelten schon immer ein wenig als Freaks. Sind wir ja auch. Novosibirsk ist beispielsweise selten das Traumziel deutscher Diplomaten. Und wenn dann dennoch eine überschaubare Zahl Landsleute freiwillig und aus Überzeugung vor Ort sind, wird das schon mit Verwunderung wahrgenommen. Sagen wir es vorsichtig, die Chance, dass man als entsandter Diplomat mit denen auf einer Wellenlänge ist, ist nicht sehr groß.

Weniger vorsichtig gesagt: Wir haben ja schon alle eine kleine Meise. Einer macht Youtube-Videos mit Schnurbart und eingespielten Lachern. Ein anderer verbringt seine Zeit damit, in irgendeinem Forum Threads zu sortieren. Ein dritter bekommt Zuckungen, wenn er auf das Wort Moskau nicht sofort mit Ka...ass antworten darf. Ein vierter schreibt irgendwelche wissenschaftlichen Arbeiten mit Latex. Und und und. Das ist alles etwas schrullig und passt nicht so ganz in das Wohlfühlschema eines durchschnittlichen entsandten Diplomaten. (Ohne dies böse gegenüber uns oder den hier ebenso einseitig dargestellten Staatsdienern zu meinen.)
bella_b33 hat geschrieben:
Sonntag 30. September 2018, 17:17
Schön ist das natürlich nicht, wenn man selbst betroffen ist. Wenn man Glück hat, kennt man jemanden, der unverbindlich nachhaken kann.
Ja....aber das wirkt dann schon ein bisschen verzweifelt, nicht?
Deswegen ja eine dritte Person, die unverbindlich nachhakt. Verzweifelt wäre dann, wenn man selbst anfragt.

Aber ich kann Uwe schon verstehen, dass dies eigenartig ist, wenn man auf anderen Veranstaltungen gefragt wird, ob man kommt, und dann sagen muss: "Sorry, ich bin nicht eingeladen!" Dann kann aber derjenige, der gefragt hat, schon mal im Konsulat fragen: "Hey Leute, das war mir total peinlich, dass ich beim Niemeyer in den Fettnapf getreten bin! Hat das einen Grund, dass er nicht eingeladen ist?" Finde ich überhaupt nicht verwerflich, wenn man in diesem Ton anfragt.

Re: Führen diplomatische Vertretungen Schwarze Listen?

Verfasst: Montag 1. Oktober 2018, 14:33
von m5bere2
Norbert hat geschrieben:
Montag 1. Oktober 2018, 13:54
Ein vierter schreibt irgendwelche wissenschaftlichen Arbeiten mit Latex.
So wie die erdrückende Mehrheit, Millionen von Naturwissenschaftlern und Mathematikern auf der ganzen Welt, mangels Alternativen.
Und und und. Das ist alles etwas schrullig und passt nicht so ganz in das Wohlfühlschema eines durchschnittlichen entsandten Diplomaten.

Diplomaten fühlen sich im Kreise von Naturwissenschaftlern und Mathematikern also unwohl? Sollten sie aber nicht, wenn man bedenkt, dass es trotz Sanktionen zwischen Russland und Deutschland funktionierende Abkommen zu wissenschaftlichem Austausch gibt und dass DFG und RFFI/RNF gemeinsam deutsch-russische Forschungsprojekte fördern (eines im Übrigen unter meiner Leitung, und trotzdem hinkt meine Einladung zum 3. Oktober das zweite Jahr in Folge).

Re: Führen diplomatische Vertretungen Schwarze Listen?

Verfasst: Montag 1. Oktober 2018, 14:41
von Wladimir30
Norbert hat geschrieben:
Montag 1. Oktober 2018, 13:54
Wir haben ja schon alle eine kleine Meise.
Ist die Frage, inwieweit dies ein Alleinstellungsmerkmal für die Leute ist, die in Russland ihre Zelte aufgeschlagen haben. Derartige Hobbies und Eigenarten findet man in DEU ja genau so. Nur werden beim Leben in RUS noch Dinge möglich oder gar erforderlich, die in DEU nicht angefallen oder nicht aufgefallen wären. Anders gesagt: In DEU geht das in der Masse unter, in RUS wird da schon bei den wenigen Exemplaren etwas genauer hingeschaut.

Ich jedenfalls pflege Kontakt mit grundsätzlich den gleichen Leuten wie auch in DEU. Eine deutsche Herkunft ist kein Kriterium für weiteren Kontakt (was mir ja von einem Forumsmitglied heute noch bitterlich nachgetragen wird). Und, na ja, die Kategorie von Mensch, die "Diplomat" wird, ist nun mal keine, die meinem Lebensinhalt nahe steht, weder in DEU noch anderswo.

Re: Führen diplomatische Vertretungen Schwarze Listen?

Verfasst: Montag 1. Oktober 2018, 15:01
von Norbert
Wladimir30 hat geschrieben:
Montag 1. Oktober 2018, 14:41
Ist die Frage, inwieweit dies ein Alleinstellungsmerkmal für die Leute ist, die in Russland ihre Zelte aufgeschlagen haben.
In Deutschland bekommt man ja auch keine Einladung zum 3. Oktober oder zu einer Wahlparty. Im Ausland stehen die Chancen in Städten mit einem Konsulat und wenigen Expats sehr hoch.
Wladimir30 hat geschrieben:
Montag 1. Oktober 2018, 14:41
Hobbies
Dass ich das noch erleben darf ... einen Fehler im Deutsch von Wladimir!! Im Deutschen schreibt man "Hobbys", die englische Regel y zu ie gilt nicht im Deutschen.

Re: Führen diplomatische Vertretungen Schwarze Listen?

Verfasst: Montag 1. Oktober 2018, 15:10
von Wladimir30
Norbert hat geschrieben:
Montag 1. Oktober 2018, 15:01
In Deutschland bekommt man ja auch keine Einladung zum 3. Oktober oder zu einer Wahlparty. Im Ausland stehen die Chancen in Städten mit einem Konsulat und wenigen Expats sehr hoch.
Ja, das meint ich ja auch mit der geringen Anzahl an Leuten, die in Frage kommen und damit an exponierter Stelle gewissermaßen als "Vorzeigedeutsche" gelten. Ich habe mich hierbei mittlerweile mehr oder weniger komplett ausgeklinkt.
Dass ich das noch erleben darf ... einen Fehler im Deutsch von Wladimir!! Im Deutschen schreibt man "Hobbys", die englische Regel y zu ie gilt nicht im Deutschen.
Jau, haste recht. Ich kämpfe bei mir selber stets darum, derartiges nicht zuzulassen. Nun ist es doch passiert (und sicherlich nicht das erste Mal). Danke, dass Du mich mich darauf aufmerksam gemacht hast.

Aber, äh.... Heißt es nicht richtig "einen Fehler im Deutschen"???

Re: Führen diplomatische Vertretungen Schwarze Listen?

Verfasst: Montag 1. Oktober 2018, 16:50
von Norbert
Wladimir30 hat geschrieben:
Montag 1. Oktober 2018, 15:10
Aber, äh.... Heißt es nicht richtig "einen Fehler im Deutschen"???
Du bist hier der, der so etwas wissen müsste. (Deswegen freute ich mich ja so, dass ich mal aufmerksamer war als Du.)

Aber für mich was das erste "das Deutsch" und das zweite "das Deutsche". Also gefühlt ein anderes Wort wie ein halber Satz später. Aber vermutlich hast Du wirklich Recht.