Armut in Russland

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Young Shatterhand2
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Armut in Russland

Beitrag von Young Shatterhand2 » Sonntag 2. August 2015, 23:11

[welcome]

Ich möchte gerne von den Residenten und Russland-Kenner wissen, wie ihr momentan die Lage in Russland einschätzt, bezüglich der Armut.

Folgenden Artikel aus diesem Blog möchte ich gerne als Einstieg dazu nehmen:

Armut in Russland erreicht „kritisches Niveau“

"Die Anzahl der Menschen in Russland, die unter der Armutsgrenze leben, hat sich im Verlauf der letzten 12 Monate um 3 Millionen erhöht. Die Inflationsrate hat ein 13-Jahreshoch erreicht, viele Vollzeitjobs brechen weg und die Reallöhne sinken."

http://www.gegenfrage.com/armut-russlan ... es-niveau/

Während meinen zwei Monaten im Krasnodarski Krai diesem Frühjahr bis Sommer, habe ich davon kaum etwas mitbekommen. Mir ist lediglich zwei, drei Bettler in Erinnerung geblieben, die in einer großen Tiefgarage eines Einkaufszentrums in Krasnodar, die Leuten nach Geld gefragt haben. Wobei ich dazu sagen muss, dass ich nicht allzu oft in Krasnodar war, sondern eine Woche in einer Korsaken-Siedlung am Fuße des Kauaksus und die anderen sieben Wochen in einer Öko-Siedlung nahe des berühmten Kurortes Karitschja Kluch ("heißer Frühling" übersetzt).

Man sagte, mir dass man natürlich aufs Geld gucken müsse, aber im Großen und Ganzen sahen mir die Menschen (auf dem Land) doch sehr zufrieden aus. Ich hatte nicht den Eindruck, dass die wirtschaftliche Lage sie depri macht.

Gibt es innerhalb Russlands große regionale Gegensätze, was die Armut betrifft?
Wie verhält es sich in den Metropolen Moskau & Sankt Petersburg?
Welche Schicht ist am meisten eurer Meinung/Erfahrung nach betroffen?
Und wie schätzt ihr die Zukunft ein?



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bella_b33
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Re: Armut in Russland

Beitrag von bella_b33 » Montag 3. August 2015, 11:08

Alex KA hat geschrieben:Pensionäre haben auch genug Geld zum Leben.
ja, 9000rub sind schon so richtig viel satt, wenn man sein ganzes Leben ackern war....
Sicher gibts in den Metropolen etwas mehr, trotzdem muss man damit schon recht sparsam wirtschaften und kann nicht mal eben in den Urlaub fliegen.
Dumm sein ist wie tot sein: Man selber merkt nichts, schlimm ist es nur für die Anderen!

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Re: Armut in Russland

Beitrag von domizil » Montag 3. August 2015, 11:46

bella_b33 hat geschrieben:ja, 9000rub sind schon so richtig viel satt, wenn man sein ganzes Leben ackern war....
... die staatliche Rente reicht in keinem Land aus, um seinen bisherigen Lebensstandard aus dem aktiven Arbeitsleben zu halten. Da es in Russland leider üblich war und ist, dass Gehälter im "Umschlag" bezahlt werden, so braucht sich auch ein Arbeitnehmer der sich darauf einlässt sein Gehalt an den sozialen Sicherungssystemen vorbei zu erhalten, nicht über eine zu niedrige Rente zu beschweren.

Eine Verarmung der Bevölkerung kann ich in Kaliningrad nicht feststellen. Es gibt keine Bettler auf den Straßen und die Babulkas, die an den Straßenrändern Sonnenblumenkerne und Straßengrabenblumen verkaufen, halten sich in touristisch übersichtlicher Anzahl.

Jedes Quartal erarbeitet meine Firma eine Übersicht über eine ganze Reihe von Waren des täglichen Bedarfs und deren Preisentwicklung. Wir veröffentlichen diese Ergebnisse auch auf unserem Portal. Es gibt Preiserhöhungen, aber auch Preissenkungen. Von den "katastrophalen" Preisentwicklungen, wie in Medien berichtet wird, kann ich nichts feststellen.

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Re: Armut in Russland

Beitrag von inorcist » Montag 3. August 2015, 12:56

Verhungern wird in Russland sicherlich niemand, wenn du das als Maßstab für Armut nimmst. Aber wie schon die anderen beschrieben haben, lebt man als Rentner nicht unbedingt grossartig. Die Großeltern meiner Frau erhalten 9000 bzw 6500 Rubel Rente pro Monat und zahlen ca 5000 Rubel für Nebenkosten (Strom, Wasser, Heizung etc). Also bleiben knapp 10'000 Rubel für zwei Personen. Das geht einigermaßen, weil sie zu einem großen Teil Selbstversorger sind und weil andererseits andere Familienmitglieder einspringen, wenn mal aussergewöhnliche Anschaffungen anstehen. Die innerfamiliären Hilfen sind es auch, was in Russland die Armut etwas abfedert.

Persönlich finde ich die Lage eher erschreckend.

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Re: Armut in Russland

Beitrag von Jenenser » Montag 3. August 2015, 13:44

Genau, was gilt denn als Maßstab für Armut? In Südamerika habe ich mal folgenden Satz aufgelesen: Es gibt schlimmere Formen von Armut, als die materielle. Und mit einem Wink an die „Industrienationen“ war gemeint - die geistige Armut, die Armut an Moral und Prinzipien...

In Russland wurde vor ein paar Wochen in meiner Anwesenheit geklagt, allgemein über die erhöhten Lebensmittelpreise. Gleichzeitig wurde festgestellt, dass zum Beispiel ein Liter Mineralwasser im Supermarkt so teuer ist, wie ein Liter Benzin. Die Sanktionspolitik des Westens sehen dagegen einige „ganz sportlich“ (aufgenommen in Pjatigorsk):Bild



Nikolaus
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Re: Armut in Russland

Beitrag von Nikolaus » Montag 3. August 2015, 13:52

inorcist hat geschrieben: Die Großeltern meiner Frau erhalten 9000 bzw 6500 Rubel Rente pro Monat und zahlen ca 5000 Rubel für Nebenkosten (Strom, Wasser, Heizung etc).
Hm, nach den Wohnkosten koennte das in Moskau eine mittlere Business-Eigentumswohnung sein. :) Nach den Renten keinesfalls: Die liegen durch den Zuschlag, den die Kommune zahlt, i.a. wohl doch rund beim Doppelten.
Fett ist das freilich trotzdem nicht, besonders wenn die Alten allein und so krank sind, dass sie sich nicht per Datscha vernuenftig ernaehren koennen. Und man sieht schon immer wieder mal Bettler. (In Deutschland werde ich uebrigens auch immer wieder mal angebettelt.)
Aber massenhafte Verarmung bis zum Hunger ist mir bisher nicht aufgefallen.
PS. Wenn man "Verarmung" im weiteren Sinne versteht, wie die Ministerin Frau Golodjez, die in dem Artikel ja zitiert wird, also "Einkuenfte unterhalb der Armutsgrenze", dann wird die die offiziellen Zahlen schon kennen. Soweit ich verstehe, geht es ihr darum, dass die Ausgaben des Budgets fuer soziale Zwecke nicht beschnitten werden (wie manche Politiker das ja fordern). Bisher wurden ja die Renten z.B. entsprechend der Inflationsrate erhoeht.

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Re: Armut in Russland

Beitrag von inorcist » Montag 3. August 2015, 15:04

Fairerweise muss ich sagen, dass das die Nebenkosten sowohl für die Datscha als die Wohnung sind. Trotzdem recht hoch für ein Kaff 800km von Moskau entfernt.

Ich finde die Nebenkosten sowieso etwas absurd. Wir zahlen im moskauer Zentrum weniger als Freunde in Khimki bei etwa gleicher Wohnungsgrösse und ähnlichem Verbrauch. Aber das ist ein anderes Thema.

Nikolaus
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Re: Armut in Russland

Beitrag von Nikolaus » Montag 3. August 2015, 15:45

Sofern Du unter "Nebenkosten" nicht auch die Kosten fuer anteiligen Unterhalt, Reparatur und Generalreparatur der gemeinsamen Objekte in einem Mehrfamilienhaus verstehst, empfinde ich die von Dir genannten Kosten ueberhaupt als ungemein hoch. Bei unseren Wohnungen in Moskau ist das der Hauptbetrag neben den Heizkosten. Alles andere ist viel niedriger.
Es gibt ja in Russland auch eine schier unueberschaubare Anzahl von sozialen Unterstuetzungsleistungen fuer Beduerftige sowie "verdiente Buerger", teilweise wohl noch aus sowjetischen Zeiten. Teilweise sind das wohl signifikante Betraege, z.B. eben stark gesenkte Wohnkosten, kostenlose oeffentliche Verkehrsmittel, besondere medizinische Leistungen, ... Soweit ich verstehe, steht die russische Regierung da zwischen Baum und Borke: Einerseits haben diese Sozialleistungen grosse Bedeutung besonders fuer die Alten und Kranken, und das sind eine Menge Waehler, andererseits werden sie groesstenteils uebers Budget finanziert, was den russischen "Liberalen" natuerlich ein Dorn im Auge ist. Ihr Abbau ist nun schon seit 25 Jahren in wachsendem Masse im Gange.

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Re: Armut in Russland

Beitrag von m1009 » Montag 3. August 2015, 16:28

Mein Schwiegervater ist im letzten Jahr in Rente gegangen.

42 Jahre gearbeitet, weisses Gehalt, kein Veteran, kleiner Zuschlag, aufgrund einiger Jahre in der Urananreicherung und Ruestungsindutstrie taetig.

18.000 Rub Rente...

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Re: Armut in Russland

Beitrag von Evgenij » Samstag 30. Juli 2016, 15:53

Es sind schon fast "horrende" Veränderungen hierzulande an den Tag gekommen, vor allem in Bezug auf Lebenshaltungskosten:
so sind die *in Rub gerechnet* - meine persönliche Einschätzung - in den letzten 1,5-2 Jahren um ca. 30-35% gestiegen.
Natürlich ist da die einkommensschwache Schicht mehr betroffen als zB Mittelschichtler.
Ich meine, selbst in einem "Schlaraffenland" wie Deutschland gibt es in puncto Armut zuhauf eigene Probleme..
-->
- http://www.spiegel.de/wirtschaft/sozial ... 19315.html
- http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/w ... 32517.html

Oder das
- http://www.welt.de/wirtschaft/article15 ... eiche.html
Hier wird zwar der Versuch gestartet das Ganze zu relativieren, indem man u. a. den Vergleich mit den skandinavischen Ländern oder den USA zieht,
dennoch sprechen die Fakten eindeutig über die Lage.



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