Auswandern nach Russland / doppelte Staatbürgerschaft

Für alle die nicht in Russland leben. Hier können Susi und Klaus über die weißen Nächte in Petersburg sinnen, die russische Seele aus der Ferne transzendieren oder die nächste Russendisko in Sindelfingen planen.

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Norbert
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Re: Auswandern nach Russland / doppelte Staatbürgerschaft

Beitrag von Norbert » Donnerstag 8. Oktober 2020, 18:31

In meiner subjektiven (!) Wahrnehmung werde ich in Deutschland seltener mit rassistischen oder nationalistischen Aussagen konfrontiert als in Russland. Ich hatte bereits das Beispiel der Taxifahrer, welche den Holocaust loben.

Ich war mit dunkelhäutigen Freunden 2002 in Moskau und St. Petersburg unterwegs und eigentlich täglich waren sie mit nicht nur verbalen sondern auch körperlichen Angriffen konfrontiert. Du läufst im Stadtzentrum einen Fußweg entlang oder durch eine Metrostation und bekommst eine Faust ins Gesicht gestreckt - Scheinangriff, 5 cm vor dem Gesicht gestoppt.

Das ist mir als Deutscher NIE passiert, meinen Freunden aus Kenia und Sri Lanka ständig.

Sicher sitzen auch in Dresden in der Straßenbahn Nazis, aber solche Attacken mitten im Stadtzentrum sind in meiner subjektiven Wahrnehmung deutlich seltener.



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Axel
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Re: Auswandern nach Russland / doppelte Staatbürgerschaft

Beitrag von Axel » Donnerstag 8. Oktober 2020, 19:48

Das war vielleicht in den 2000ern noch so, meiner Meinung nach ist das ganze aber mittlerweile extrem abgeflacht, die Regierung hat fast alle führenden Neonazigrößen von russischen Ablegern wie Format 18 oder NSO lebenslang eingebuchtet oder "unter mysteriösen Umständen" kaltgestellt. Bestes Beispiel ist ja auch der erst vor wenigen in Haft gestorbene und durchaus in gewissen Teilen der russischen Bevölkerung sympathisierte russische Neonazi "Tесак", der kurz vor seiner Entlassung war und dann angeblich "Selbstmord" beging. Andere Neonazis wie Dmitry Demushkin werden ständig vom FSB beschattet und im Zweijahresabstand für paar Jahren in den Knast geschickt. Russische Märsche werden nur noch unter strengen Auflagen genehmigt oder gar nicht erlaubt. Während der WM 2018 gab es nicht einmal einen fremdenfeindlichen Angriff, obwohl so viele Fans aus Südamerika und Afrika zu dieser Zeit in Russland waren. Die Zeiten, in denen Russen in die Metro gestiegen sind, um Menschen mit nicht russischem Aussehen zu verprügelten und mit Bewährung davonkamen sind schon lange vorbei. Meine Beobachtung ist, dass der Kreml begriffen hat, dass russischer Nationalismus eine Bedrohung für einen Vielvölkerstaat wie Russland ist, weshalb rechte Bewegungen mittlerweile deutlich schärfer bekämpft werden als noch vor 20 Jahren.

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Re: Auswandern nach Russland / doppelte Staatbürgerschaft

Beitrag von Norbert » Donnerstag 8. Oktober 2020, 20:51

Die Reaktion des Staates ist lobenswert, ändert aber leider nicht die Gedanken der Einwohner. Und darauf zielte der Hinweis von saransk.

Völlig Recht hast Du damit, dass rechte Tendenzen in Deutschland häufiger werden, während die sichtbaren rechten Umschweife in Russland zwischenzeitlich konsequenter verfolgt werden.

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Re: Auswandern nach Russland / doppelte Staatbürgerschaft

Beitrag von Wladimir30 » Donnerstag 8. Oktober 2020, 20:58

Norbert hat geschrieben:
Donnerstag 8. Oktober 2020, 20:51
ändert aber leider nicht die Gedanken der Einwohner.
Eindeutig richtig. Das Problem ist nicht der Strafmaßnahmenkatalog der Regierung, sondern die Einstellung in den Köpfen der Bevölkerung.
während die sichtbaren rechten Umschweife in Russland zwischenzeitlich konsequenter verfolgt werden.
Verfolgt werden kann das, was zur Anzeige kommt. Wer aber bringt alltägliche Straßenszenen zur Anzeige? Und es laufen ja nicht überall Polizisten rum rund um die Uhr, um alles zu kontrollieren. Streng(er) beobachtet und geahndet werden weiter tragende Aktionen, nicht die kleinen "Nicklichkeiten" im Alltag.
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Re: Auswandern nach Russland / doppelte Staatbürgerschaft

Beitrag von russland2020 » Donnerstag 8. Oktober 2020, 23:43

Vielen Dank noch einmal an alle Beteiligten. Meine ursprüngliche Frage nach einer Ausgrenzung stellte ich aus Neugier, weil ich schon das Gefühl habe, dass in Russland eine andere Art der Verbundenheit zum Land vorhanden ist. Dies ist ja auch nicht immer gleichbedeutend mit Rassismus. Ich selbst habe bisher überhaupt keine schlechten Erfahrungen gemacht. Ich habe die Antwort von saransk nicht so aufgenommen, dass er sagen wollte die Russen sind rassistischer als Deutsche. Der zunehmende Rassismus in Deutschland bzw ganz Europa ist wohl überwiegend hausgemacht und nicht tief in Köpfen verwurzelt...sondern hängt mit Ängsten und Überforderung der Menschen zusammen. Wenn die EU (kann man es noch als EU bezeichnen..wenn die Staaten ohnehin nur aus Eigeninteresse handeln) so weitermacht wird es in nicht so ferner Zukumft leider richtig ungemütlich...fürchte ich. Bin nun doch ein wenig vom Thema abgekommen.



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Re: Auswandern nach Russland / doppelte Staatbürgerschaft

Beitrag von Norbert » Donnerstag 8. Oktober 2020, 23:59

Ich denke die Worte von Saransk sind ein sehr wichtiger Aspekt: Im Alltag können sich plötzlich Gräben öffnen, die in der ersten Verliebtheit völlig egal waren - egal, ob man in Deutschland oder Russland lebt. Das können gesellschaftliche Grundwerte sein (verschiedene Ansichten über Homosexualität, Migranten, Politik), erzieherische Fragen (Geschlechterrollen, autoritäre Schule, militärische Feiern im Kindergarten), Beziehung zur eigenen Heimat (was ist gut/schlecht in der alten/neuen Heimat), etc.

Und das kann dann plötzlich an so einer völlig harmlosen Frage scheitern, ob man zum Geburtstag schwule Freunde einlädt, die sich vielleicht vor dem gemeinsamen Kind küssen könnten. Wenn dann der russische Schwiegervater plötzlich sagt: "Ich komme nicht, wenn die Päderasten kommen!", dann kann dies durchaus zur Belastungsprobe für die Ehe werden. (Ich habe einen ähnlichen Ausspruch meiner russischen Familie gehört. Und dann muss man schon abwägen, wie man eigene Prinzipien und ein gutes Miteinander unter einen Hut bekommt.)

Und solche Situationen mit Konfliktpotential gibt es einige.

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Re: Auswandern nach Russland / doppelte Staatbürgerschaft

Beitrag von bella_b33 » Freitag 9. Oktober 2020, 10:46

Norbert hat geschrieben:
Donnerstag 8. Oktober 2020, 23:59
Ich denke die Worte von Saransk sind ein sehr wichtiger Aspekt: Im Alltag können sich plötzlich Gräben öffnen, die in der ersten Verliebtheit völlig egal waren - egal, ob man in Deutschland oder Russland lebt..
Moin, das stimmt schon und da muss man von beiden Seiten kompromissbereit sein, sonst kann das schwierig werden.

Zur Ursprungsfrage:
russland2020 hat geschrieben:
Donnerstag 8. Oktober 2020, 23:43
Ausgrenzung
Kann ich (nach 14 Jahren Russland) keine Erfahrungen mitteilen.....man wird überall eingeladen und dazu geholt. So sehr, daß es manchmal schon zuviel ist :lol:

Gruß
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Re: Auswandern nach Russland / doppelte Staatbürgerschaft

Beitrag von saransk » Freitag 9. Oktober 2020, 12:25

russland2020 hat geschrieben:
Donnerstag 8. Oktober 2020, 23:43
Ich habe die Antwort von saransk nicht so aufgenommen, dass er sagen wollte die Russen sind rassistischer als Deutsche. Der zunehmende Rassismus in Deutschland bzw ganz Europa ist wohl überwiegend hausgemacht und nicht tief in Köpfen verwurzelt...sondern hängt mit Ängsten und Überforderung der Menschen zusammen.
Wenn einem das gewohnte Umfeld oder die gefühlte Sicherheit wegbricht (egal ob durch Corona, die wirtschaftliche Entwicklung oder sonst was), suchen viele Menschen sich nun mal einen Sündenbock. Und dann ist es egal, ob ich in Deutschland "Kanake" sage, oder in Russland andere als "Schwarzfüße" bezeichne.
@russland 2020: Wie sieht es denn nun bei Dir aus? Hast Du einen Beruf, den Du langfristig auch in Russland ausüben kannst? Wie sieht überhaupt die Wohn-/Lebenssituation bei euch aus? Russische Wohnungen sind ja oft doch etwas kleiner als in Deutschland. Da kann man sich nicht einfach mal aus dem Weg gehen, oder im Hobbykeller verschwinden.

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Re: Auswandern nach Russland / doppelte Staatbürgerschaft

Beitrag von Wladimir30 » Freitag 9. Oktober 2020, 14:11

Ja, zurück zum Ausgangspunkt.

Grundsätzlich gilt für Russland dasselbe, wie für jedes andere Ausland. Zunächst fallen einem die schönen, angenehmen, interessanten Seiten auf. Wahlweise (mit unterschiedlichen Gewichtungen): tolle Gegend, nette Leute, interessante Gespräche, was Neues, das, was einem in der angestammten Heimat stört, ist (scheint) hier auf einmal viel unkomplizierter. Verstärkt wird es, wenn man sich noch verlieben konnte.

Je tiefer man eintaucht, je mehr man hinter die Kulissen blickt, je mehr der Alltag einen einholt, je größer die Notwendigkeit wird, sich selbständig sprachlich zurechtzufinden, desto mehr blättert die Goldschicht ab. Insbesondere wenn jemand von dem Wunsch beseelt war, dass in der Fremde alles besser wird, dass man sich endlich entfalten kann, dass man endlich der werden kann, der man schon immer sein wollte, aber aufgrund der widrigen Umstände in der Heimat leider nicht werden konnte, ja, dieses Wunschdenken wird langsam ersetzt von der Erkenntnis, dass die persönlichen Probleme dieselben geblieben sind, und dass man eben doch derselbe geblieben ist. Wer in der Heimat angemault wird oder aneckt, wird es auch in anderen Ländern, nur wird es in anderen Ländern auf die Herkunft geschoben. Wer sich "normal" den anderen gegenüber verhält, wird in jedem Land "angenommen". Das Wichtige hierbei ist, nicht seinen eigenen Standpunkt dessen, was als richtig erachtet wird, das eigene Wertesystem als das einzig glückbringende anderen aufzupropfen versuchen. Bereit sein, andere Vorgehensweisen anzunehmen und sie als Chance zu sehen, seinen eigenen Standpunkte eventuell zu überdenken.

Wer dann immer noch in diesem neuen Land bleiben will, wer sich der Kärrnerarbeit des Spracherwerbs unterziehen will, wer sich auf die immer vielfältiger werdenden Besonderheiten und Andersartigkeiten (die hier zum Teil beispielhaft schon angesprochen wurden) einlassen will, der wird sich seinen Weg suchen.

Mit anderen Worten: Versuch macht kluch, wer es nicht ausprobiert, wird es nie erfahren. Eindrücke, Meinungen von anderen können eine Orientierungshilfe sein, mehr nicht.
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Re: Auswandern nach Russland / doppelte Staatbürgerschaft

Beitrag von m1009 » Freitag 9. Oktober 2020, 20:02

Wie meist, besser kann man es nicht zusammen fassen.



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